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  • Henni Jesch

Weltmeisterschaft in Tryon

Foto: Petra Kerschbaum

Foto: Petra Kerschbaum

Die Kür ist abgesagt. Dramatisch und irgendwie laienhaft. Aber es kann ja nicht immer Aachen die WM ausrichten?! Natürlich kann Aachen das! Aber das passt ja auch nicht, wenn das IMMER in Aachen ist… Es wäre ohne Fliegen für die Europäer halb so aufregend – aber sie könnten ja auch einfach einen Rundflug machen? Den Pferden wär´s wurscht, wo´s aus und einsteigen, wenn das Boardmenü stimmt.

Praktischerweise gibt es ja im Grunde Team und Einzelweltmeister, auch ohne Kür. Und ich finde, es sind die Richtigen! Die Richtigsten!

Natürlich stehen dahinter eine Menge Reiter, die es auch verdient hätten. Aber die 3 Damen an der Spitze sind 3 Jahrhundert-Reitsporttalente mit Schneid und Fleiß UND dieser unendlichen Hingabe an den Sport, die dann wohl den Unterschied der ganz großen Sportler zu den großen Sportlern ausmacht. Nur Hingabe allein reicht natürlich auch nicht, die hätten sicher noch viele mehr – Ausnahmetalent ist schon unbedingt erforderlich. Kann man ja immer noch nicht kaufen. Und das mit der Hingabe an den Sport hat uns in Tryon – mehr als alles andere - Isabell Werth bewiesen. Was haben wir nicht alle mitgeheult mit ihr?

Geredet und geschrieben wurde nicht über die Piaffen & Passagen von Bella Rose, nicht über die Losgelassenheit in den Übergängen, nicht über die ausbalancierten Pirouetten… nein, über Isabells Tränen nach dem Schlussgruß. Über die Tatsache, dass es ihr immer noch so viel bedeutet – alles! – mit diesem Pferd, an das sie von Anfang an geglaubt hat, Weltmeister zu werden.

Rückblick nach Aachen 2006: Satchmo! Ebenfalls Tränen beim Schlussgruß. Satchmo hatte auch kaum wer am Radar für Weltmeisterschaftsgold, nachdem er regelmäßig in den Piaffen ausgeflippt ist. Und für Isabell war´s so wichtig zu zeigen, dass dieser verrückte Braune das allerbeste Dressurpferd der Welt ist.

Weihegold – eine Olympiasiegerin? Mit den Grundgangarten? Siehe da! In Rio trabt die im Special an Valegro vorbei – passagiert vorbei. Halt nur im Spezial. In der abschließenden Kür, die für den Olympiasieg wesentlich war, hat Charlotte die Ordnung wieder hergestellt. Gegen einen fehlerfreien Valegro kann keiner Antraben. Nichtmal Isabell.

Ganz ehrlich?! Auch wenn ich jetzt – bei aller Hochachtung, die ich empfinde – Gotteslästerung betreibe: in manchen Lektionen schienen mir die Noten ein bisschen gar hoch. In den Wechseln zum Beispiel. Ein anderer kriegt da für´s Gleiche weniger. Aber die Antwort steht in der Frage: es paßt, wenn Isabell Werth mal ein Pünktchen mehr bekommt: sie ist ganz unbestritten die allerbeste Dressurreiterin der Welt! Pünktchen rauf oder runter – wurscht! Und ihre Freude ist so mitreißend! Wir gönnen es dir soooo!

Das sah auch am Podium der Einzelsiegerehrung so aus. Eine glückliche Silbermedaillengewinnerin Laura Graves, die in einer freundschaftlichen Geste die zu Tränen gerührte Isabell während der Hymne tätschelt. Sie hat in einem grandiosen Finale mit einer fehlerfreien Vorstellung ihres heißen Verdades Silber gewonnen und sich zur besten Amerikanerin „of all times“ gekürt. Vor 4 Jahren in der Normandie zum ersten Mal vor großem Publikum aufgetreten, hat sie heuer schon zum 2. Mal Isabell herausgefordert. In Aachen hat sie schon gewonnen, hier in Tryon war gegen Isabell und diese Bella Rose nichts auszurichten. Laura ist auch ein selfmade Reitsporttalent, das eigentlich erst am Anfang steht. Den Beweis, dass sie auch nach Verdades Pferde in den ganz großen Sport bringt, muß sie erst liefern.

Das hat Charlotte Dujardin gerade getan! Und wie! Wir dachten: die wird nie wieder so einen Valegro haben. Dabei hat sie schon lang einen gemacht! Die erst neunjährige Mount St. John Freestyle. Irgendwie eh wie Valegro – nur ein anderes Pferd. Dieses junge Pferd hat die gleiche Art sich für seine unglaublich gut sitzende Reiterin die Füss auszureißen ohne dabei etwas falsch zu machen. Und… die Siegerehrungen hat wieder mal Charlotte gewonnen: das geht wie einst mit Valegro. Da gibt´s keine Angst vor dem Publikum, kein Taktfehler in der Passage – die einfach die Wolken vom Himmel holt. Charlotte ist vor der WM nur in England geritten, außer auf einem kleineren Turnier in Holland. Man wusste nicht, wie sehr sich die Engländer dieses Pferd schön reden, oder ob das auch in Echt so gut ist, wenn´s auf die Weltelite trifft. Isses…

Mei… freu ich mich schon auf Tokyo! Aber da kommt noch Rotterdam und Aachen und eine Weltcupsaison…

Schade um die Kür. Wir hätten zu gern die besten 15 der Welt nochmal im Freestyle gesehen. Die Spanier hätten sicher noch ein paar Plätze gut gemacht und das Stadion in eine Partyhalle verwandelt – selbst mit den überschaubaren Zuschauern. Nichtmal ich war dort. Nur FEI-TV – das funktioniert aber wunderbar und ist von hoher Qualität in der Übertragung. Florence überzeugt mich auch recht, dass das so gscheiter war. Waren ja „nur“ ein GP und ein GPS. 3 Tage Dressur für den Aufwand.

Aber das Bild das bleibt ist schön… die 3 weltbesten Reiterinnen am Podium und keiner ist irgendwem was neidig, jeder hat sein Bestes gegeben und das Beste von Isabell ist halt auch das allerbeste. Charlotte wird ihre Freestyle sorgsam weiter trainieren und hat sicher eine große Zukunft vor sich. Valegros Fußstapfen sind groß. Laura wird wohl wieder nach Aachen kommen und Isabell wird in Tokyo vielleicht wieder ein besonderes Pferd haben – ein Schimmerl vielleicht?

Und dann sind da ja noch ein paar mehr, denen die Freude am Reiten stets ins Gesicht geschrieben steht. Und zum Glück gibt´s immer wieder Leute, die vor Hingabe und brutalem Talent so viel Respekt haben, dass sie Geld, Zeit und Rat investieren.

Thanks Tryon – trotz allem – es war großartig!!!

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