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  • Henni Jesch

Reitsport – Quo vadis?


Ganz ab und zu fängt man leider mal an über die gesamte Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns und Treibens nachzudenken. Ganz verkehrt! Denken – ist überhaupt nicht immer hilfreich. Einfach weitermachen…

Ich predige zwar meinen Schülern häufig, dass sie clever reiten sollen, also mit Hilfe von aktivem Nachdenken, und nicht stark. Weil sie meist eh nicht stark sind, deswegen kann man die Variante oft gar nicht allzusehr in Betracht ziehen. Zerst denken, dann tun - ist ja häufig eine sinnvolle Vorgehensweise. Ist natürlich auch kein Garant für Erfolg. Das wurde mir am Wochenende wieder recht eindeutig klar, auf einem ganz normalen CDNB – einem Provinzturnier quasi (das soll jetzt nicht abwertend klingen – es ist bloß ein Turnier für´s gemeine Volk der Region, oder für wen auch immer). Auf dem CDNB kann reiten wer will: Deutsch und Österreich, Tschechien und Ungarn – wer auch immer will – alt und jung, erfahren und unerfahren, A Kader und Schulkind. Es teilt sich ja eh in Klassen und Abteilungen, damit kein Turnierneuling mit einem Kaderreiter zusammentrifft. Soweit ist dem Unheil ja beigekommen.

Das einzige, das durch alle Klassen gleich ist…. Es ist einfach gscheiter der Reiter sitzt auf einem dunkelbraunen Don Hitfürstmeyer, denn das wird einfach gerne gesehen. (Da muß ich jetzt die Szene aus Papa ante Portas mit Loriot zitieren: „Unsere Birne Helene ist ein Apfel und sie wird IMMER gerne genommen!“) Da spricht ja jetzt auch überhaupt gar nichts dagegen, dass tolle durchgezüchtete, gut ausgebildete und somit auch sehr teure Dressurpferde besser sind als schlechte, schiache und billige. Wir hätten alle lieber die Schönen, Guten, Teuren… eh!

Wie sagte mein geschätzter Vater immer: „Schön und teuer ist einfach besser als billig und schiach!“ Und wie so häufig, hatte er auch absolut recht! Und in was er noch absolut recht hatte… er wollte nie, dass ich dem Reitsport in meinem Leben einen wichtigen Platz einräume, denn: „Du wirst immer nur hinter den reichen Leuten die Rossknödel herrollen.“ Und ich hatte als Jugendliche keine Ahnung, wie recht er hatte – ohne, dass er vom Pferdsport irgendeine Ahnung hatte.

Im ganz großen Sport und auf der ganz großen Bühne der Pferdezucht scheint sich grad ein ganz großartiger Visionär den Markt mit wenigen anderen großen Visionären – die vielleicht schon ein bisschen desillusionierter waren – aufzuteilen und zueigen zu machen. Ach, wie sehen wir die alle gerne an, diese tollen Reiter auf diesen ganz teuren, tollen, abartigen Dressurpferden. Es ist großartig, was Leute da auf die Beine stellen und wie sie auch das Interesse an den Dressurpferden anfachen. Ich flieg jedes Jahr nach Ermelo und kann mich nicht sattsehen, wenn die Helgstrandbereiter da ein Wunderpferd nach dem anderen ums Karree schicken. Und dann kommen da noch die holländischen Tretmaschinen mit den langhaxaten holländischen Mädels drauf dazu und a paar deutsche Bereiter, die für namhafte Ausbildungsställe reiten. Schlußendlich hat dann noch Dorothee immer irgendeinen Zausel aus der Oberliga, den ihr jemand zum Reiten geben durfte, weil sie es halt doch nochmal ein bisschen besser kann als alle anderen. Was ist das alles schön zum Anschauen! Ich hab immer wieder feuchte Augen und kann mich nicht sattsehen und es ist es mir auch wert da hinzufliegen um einfach nur zuzusehen und dann das Gesehene für Daheimgebliebene niederzuschreiben, weil da gibt´s nämlich noch mehr Leut, die ähnlich verrückt sind und sich daran auch nicht sattsehen können. Aber WIR werden es alle immer nur ansehen… wir werden nie so ein Pferd haben und wir werden auch nie in diesem Spiel mitspielen dürfen. Das ist mir dieses Wochenende wieder klar geworden. Es ist ein Sport für die Reichen! War es immer und bleibt es auch – nur die Schmerzgrenze verschiebt sich nach oben.

Jetzt kann ich als Basistrainer im Reitsport in Salzburg durchaus sagen, dass es immer wieder Reitsporttalente gibt, die Schneid und Fleiß besitzen. Der Mut ist oft das Handicap… den können die Reichen UND die Unreichen nicht kaufen! Das sind ganz normale Kinder von ganz normalen Eltern, die sich ihr Leben gut leisten können, eventuell auch ein Pferd, aber ganz sicher keine Helgstrand Kunden. Was mach ma jetzt mit denen? Also ich bin jetzt soweit, dass ich ihnen dringend davon abraten würde irgendeinen Fuß in den Reitsport zu setzen. Es wird nur zum Unglück führen… zum Roßknödelrollen.

Wir haben in Salzburg einen Haflinger und Norikercup. Jawohl! Da haben wir Starter zu Hauf! In der Dressur – das mit dem Springen mitm Noriker ist so a Sache – der merkts leider lang ned, dass da was im Weg steht, wo er drüber setzen sollt. Erst wenn er 5 Hindernisse umgenietet hat, fragt er nach oben, warum ihm denn keiner gesagt hat, dass es zum Springen wäre! Wenn er´s glei g´wußt hätt, hätt er eh drüber gsetzt, aber wenn er´s erst am Ende des Parcours erfahrt, kann er halt auch nimmer die Füß heben.

Im Lizenzfreien am Sonntag am CDNB waren 5 Starter… Eine Entwicklung, die ich seit längerem „mit groohhhhhoooossssser Sooooooorge“ betrachte: wir haben da keinen Nachwuchs! Oder sieht irgendjemand irgendwo, wo ich nie hinkomme ganz viel Reiternachwuchs? Nicht jetzt die Führzügelklassen nennen, wo sporterfolgreiche Eltern ihren entzückenden Nachwuchs auf ein Pony schnallen und herzig anziehen, weil sie ja eh sowieso immer am Turnier sind und da kann man der Gaudi gleich noch a rosa Glitzermütze aufsetzen.

Ich möchte hier nochmal sagen, dass ich verstehe, dass man die guten, teuren Pferde höher bewertet! Ich verstehe, dass ein Pferd, das 3 Grundgangarten für 8 hat höhere Noten bekommt als ein Pferd das 3 Grundgangarten für 6 hat. Ich hab das begriffen! Es war schmerzlich und hat viele Jahre Erfahrung mit meinem Kumpel gebraucht, wo ich wie gegen eine Betonmauer geritten bin. Deswegen haben wir ja jetzt wieder Helme beim Dressurreiten auf – wegen der Betonmauern.

Aber: warum bekommt ein Reiter, der für eine 8 sitzt und einwirkt oder sogar noch besser, nicht in irgendeiner Form diese 8 oder 9 in der Dressurprüfung angerechnet. Es gibt nämlich schon welche, die genial zu Pferde sitzen, die unsichtbar hocheffizient einwirken können, die sich mit der Ausbildungsskala auseinandergesetzt haben, die topfit sind und nicht rumwackeln, die schwierige Pferde reiten – auch in niedrigeren Prüfungen, weil sie oft noch jung sind – die Reiter! Wenn so ein Genie auf einem normalen Pferd sitzt – macht es nie einen Stich… Und komischerweise wird darauf kaum einer Lust haben.

Ich weiß, dass es Fußnoten gibt – gab – aber… ich hab selber viel geschrieben am Richtertisch…die Note für „Sitz und Einwirkung“ dient doch der abschließenden Regulation der Ordnung.

Also eigentlich… müssen die ganzen jugendlichen Reitsporttalente in den Haflingersport. Und wer meine Geschichten liest, weiß dass ich den Alpinferraris größten Respekt zolle und sie auch schätze als wertvolle Reitsportpädagogen, die meist nicht wirklich gefährlich werden, weil sie schon weniger groß sind und viel weniger Schwung haben als Don Hitfürstmeyer. Blöd sind sie allerdings auch nicht! Und leichtrittig auch nur gemäß ihrer eigenen Interpretation – der Haflinger Skala halt. Sie haben allerdings so einen gewissen natürlichen Überlebenstrieb, dass sie beim Ausführen von Blödsinn jeder Art zuerst mal auf den eigenen 4 Füssen stabil bleiben wollen. Sie fallen weniger oft um wie Don Hitfürstmeyers. Das bedeutet durchaus auch einen gewissen Reitkomfort...


Zu Don Hitfürstmeyer hab ich mir ja auch vor kurzem ein bisschen Gedanken gemacht. Ich hab ja den Eindruck, dass die Sportpferdezucht nicht die gesundheitlich widerstandsfähigste ist. Also besser isses, du hast 5 Don Hitfürstmeyer, damit immer 2 laufen. Betriebswirtschaftlich aus Sicht der Züchter, Ausbilder und Verkäufer ja ein sinniges Geschäftsmodel. Also auch diesbezüglich wäre es empfehlenswert möglichst reich zu sein, sonst wird das nämlich erst wieder nix, außer man hat ein abartiges Glück. Glück gehört zu einer Sportkarriere immer dazu, mit so einer Tretmaschine isses halt gscheiter du bestellst a bisserl mehr davon. Ich kam so zu den spanischen Pferden, denn da konnt ich mir ein grades, gutes leisten.


Es gibt ja eigentlich auch nur mehr die Modehengste in der Zucht, die jeder haben möchte. Und mit der ganzen künstlichen Besamung geht das ja alles auch ganz wunderbar. Da kann man tausende Don Hitfürstmeyers produzieren, die auch schön riesengroß und möglichst dunkelbraun sind. Und die kann man dann auch wieder ganz gut benoten und somit vorher ganz gut verkaufen. „In“ ist, was einen 6stelligen Betrag auf der Auktion einspielt, oder auf der Körung – wobei seit neuestem 6stellige Beträge fast schon „out“ sind, weil 7stellige bezahlt werden. Wahrscheinlich ist dann aber auch „in“, dass die enge Blutführung die gleichen Gesundheitsrisiken birgt und wenn die Hengste Don Hitfürstmeyer sind, dann gibt´s ja wahrscheinlich genausoviele Stuten, die Donna Hitfürstmeyer sind. Ich bin jetzt wirklich nicht der Zuchtexperte, aber… müßt nicht verantwortungsvolles Züchten bedeuten, dass man sich ums nötige frische Blut kümmert, wenn eh schon alles eins ist? Aber natürlich kauft dir das frische Blut wieder keiner ab, weil er´s nicht kennt, und der Richter dann auch nicht hoch benotet und damit auch wieder keiner viel Geld bezahlt. Also züchtet man, was alle kennen, weil das verkauft man. Versteh ich auch. Kannst dir ja als Züchter nicht den Stall mit Ladenhütern anfüllen. Also Don Hitfürstmeyer.

Auf der Trakehnerkörung war heuer ein Sohn eines S erfolgreichen Vollblutarabers aus einer Trakehnerstute, einer Tochter der legendären Renaissance Fleur von Monica Theodorescu. Zur Info: Renaissance Fleur war eine Trakehner Schimmelstute, die Monica Theodorescu auf ganz großem Dressurparkett ritt. Die beiden galten als hoffnungsvollste Medaillenträger für die nächsten olympischen Spiele. Zitat von George Theodorescu bei irgendeinem öffentlichen Auftritt: „Eigentlich kann man dieses Pferd ja gar nicht reiten: es ist Schimmel, Trakehner und Stute“. Renaissance brach sich leider bei einem unbeaufsichtigten Ausflug in Eigenregie ein Bein und konnte mit Mühe für die Zucht gerettet werden. Vergleichsweise hätt der Haflinger bei einem Ausbruch aus seiner Box bei Eis und Schnee wahrscheinlich nur a blutige Nase, weil er beim Versuch ausm Vogelhäusl die Körndeln zu saugen, Dresche vom Spatz gekriegt hätt. Dieser Halbblüter war wunderschön, im Reitpferdetyp, bewegte sich gut und hatte einen guten Schritt. Ich hätt mir jetzt gedacht, dass sich die deutschen Landgestüte um dieses Blut prügeln? Ich weiß jetzt nicht, ob die Besitzerin ihn auf der Auktion zurückgekauft hat oder ob er ins Ausland ging… aber eigentlich gab es kein großes Interesse wie mir schien. Ich hätt mir gedacht, dass das unheimlich wertvolles frisches Blut wäre… Aber dieser Vollblutarabersohn wird keine 6 oder 7stelligen Verkäufe in der nächsten Generation auslösen… Also bleiben wir mal bei Don Hitfürstmeyer – wird ja schließlich nachgefragt und damit produziert. Für Reiche…. Besser mehr als weniger, die sind einfach die besseren Kunden. Versteh ich. Viel Geld ist einfach besser als weniger. Wenn dem Reitsport und der Pferdezucht bloß die Reichen nicht ausgehen… die Reichen, die Freude am Pferd haben…

Quo Vadis?

Schau ma mal – dann seh ma´s eh!

… wir gehen mal die Haflinger und Spanier satteln…

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