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  • Henni Jesch

My Story

Die Woche geht ja üblicherweise von Montag bis Sonntag, oder? Für die meisten Menschen in unseren Breiten läuft sie vermutlich so ab.

Meine Woche als Kind und Jugendlicher nicht! Meine ging von Freitag bis Donnerstag. Am Freitag hatte ich üblicherweise Reitstunde. Es war also der wichtigste Tag überhaupt! Ich konnte am Freitag schon von der früh weg nicht mehr normal essen und hatte dann ab mittag Bauchweh vor Aufregung und Vorfreude.

Freitag war also ganz wichtig. Der Samstag war dann ein sehr schrecklicher Tag…. Gaaaanz weit weg von der nächsten Reitstunde- gaaanz weit. Außerdem war Schule am Samstag Vormittag. Mir wurde immer schlecht beim in die Schule fahren, dann war da zwar die Aussicht auf einen freien Sonntag, aber auch ohne Reiten. Nichtmal ein einziges Pferd zu streicheln, einen einzigen Huf auszukratzen, oder auch nur eins anzuschauen oder zu riechen. In Ried in der Ruhe gab es kein einziges Pferd. Und sehr viel weiter kam ich nicht mit dem Rad im hügeligen Mühlviertel.

Busse gab´s ab und zu nach Linz – und zum Glück am Freitag nach Enns – wo der Reitstall war.

Aber es war erst Samstag. Immerhin ein ganzer Samstagnachmittag und ein ganzer Sonntag, wo man neben der Aufgabe und dem Lernen Pferdebücher lesen, Pferdebilder anschauen, Pferde zeichnen konnte. Ich hatte sogar mit dem Videorekorder ein paar Sequenzen vom Fest der Pferde in der Wiener Stadthalle aufgezeichnet – das Showprogramm mit ein paar Dressurvorführungen – die hab ich so oft angesehen, bis das Band einfach durch war an der „Dressurstelle“.

Montag war ein ganz schlechter Tag. Meilenweit weg von der nächsten Reitstunde, viel Schule und viel Lernen. Ganz schlechter Tag.

Dienstag war schon deutlich näher am Reiten. Nur noch 3x schlafen!

Mittwoch! Wir nähern uns dem Ziel. 2x schlafen!

Donnerstag: Ha! Alles vorbereiten für Freitag, damit ich ja gleich nach der Schule fertig war. Meist noch lang Schule, aber egal, morgen ist ja Freitag!

Freitag ging das Aufstehen schon viel leichter – Essen überflüssig, Bauchweh sowieso. Es gab einen Bus um halb zwei nach Enns und einen um halb vier. Wenn ich schnell fertig war, bald von der Schule daheim war, was ich nicht immer selber steuern konnte – dann konnte ich schon um halb 3 im Stall sein!

Ich hatte erst um 6 Reitstunde. Aber es war das tollste den ganzen Nachmittag bei den Pferden zu sein! Sie anzuschauen, zu streicheln, putzen, Hufe auskratzen, einfach alles was man mit Pferden machen kann. Schon das Aufmachen der Stalltür – vor allem im Winter – wenn mir der Geruch von Heu, Stroh, Pferden und Lederzeug in die Nase stieg war so erhebend. Manchmal, wenn mich keiner abholen konnte, oder wenn der Freitagnachmittag meiner Eltern anders verplant war, dann hieß es: „Kannst ja nächste Woche 2 Stunden reiten als Ersatz.“ Nein….kann ich nicht als Ersatz! Ich kann nicht nach 2 Wochen doppelt so viel Pferdegeruch einschnüffeln, ich kann nicht doppelt so viel Hufe auskratzen und Mähnen bürsten, Ich kann nicht „einfach“ 2 Wochen warten, bis wieder Freitag ist….

So war ich Freitagnachmittag 3 Stunden – großteils allein, oder mit einer Freundin, die ähnlich verrückt war, einfach nur im Stall bei den Pferden. Einfach nur bei den Pferden….

8 Jahre bin ich im Reitschulbetrieb hinten nachgeritten, oder auch vorneweg. Hab mich als kleines Kind gefürchtet, wenn mir die großen Pferde beim Galoppieren durchgingen – aber was soll´s, gar nicht reiten, wäre noch viel schrecklicher gewesen. Also nicht Jammern und möglichst oben bleiben. Meist blieb ich auch oben – manchmal halt nicht, das hab ich dann aber nicht erzählt, sonst wäre das womöglich als gefährlich eingestuft worden.

Irgendwann, so mit 13, kam ich auf die Idee doch etwas dagegen zu unternehmen, wenn mir die großen Pferde durchgehen und bocken. Heureka! Sie gingen tatsächlich weniger oft durch, wenn ich was dagegen unternahm! Und irgendwann hab ich gesehen: da gibt es Leute, die reiten ihre Pferde mit dem Kopf in der Senkrechten! DAS will ich auch! Nur wie geht das? Auf den Videos von der Stadthalle gingen die ja auch immer wieder so, die Dressurpferde. Learning by doing. „Quäl den nicht so, den Fridolin!“ sagte mein ehrwürdiger Herr Reitlehrer damals. Der Fridolin hatte aber irgendwann ein Einsehen mit meinen Bemühungen und stellte tatsächlich seinen Kragen auf und ging zumindest mal im Schritt am Zügel!

Mit 16 hab ich dann die Reitschule gewechselt, denn in der anderen durfte man die Pferde am Zügel reiten. Man könnte fast sagen, dass es sogar gewünscht war! Hier durfte man was tun, sogar Turnier reiten mit den Schulpferden. Ich bin zwei Stunden mit Zug, Bus und Straßenbahn dorthin gefahren, dreimal von Verkehrsmittel zu Verkehrsmittel umgestiegen für eine Stunde reiten. Meist hat mich mein Vater dann am Heimweg mitgenommen, wenn er von der Abendschule heimfuhr. Er musste nur einen Umweg fahren am Nachhauseweg. In den Ferien bin ich halt einfach wieder 2 Stunden heimgefahren.

Ich bin dann auch mal im Wintercup gestartet, in der A Dressur. Mein Schulpferd Cherie war aber auf allen vier Füssen wohl so gleichmäßig platt, dass es gar nicht mehr auszumachen war. Natürlich hat man uns vernichtet. Aber es gelang mir sogar mit dem legendären „Öchen“ (oberösterreichisch für „Der Elch“) ein Platzierung im Wintercup zu erreiten. Ich hab ihm mit meinem Taschengeld Zusatzfutter gekauft, damit er nicht so dünn ausschaut, ein eigenes Zaumzeug gekauft und irgendwann hatte ich sogar einen gebrauchten Niedersüß Dressursattel (der erste Traum, der sich erfüllt hatte!). Meist hatten wir nur 5.0. Natürlich hat es mich am Boden zerstört, schlechte Noten zu bekommen….aber neben den tollen Pferden der anderen Töchter war das dünne Schulpferd „da Öch“ und meine, mir selbsterkämpfte, Reitkunst natürlich nicht vergleichbar.

Aber ich war verrückt genug nicht aufzugeben – nie!

Und genau deswegen, weil mir nie wer geholfen hat, versuche ich heute den Mädels, auch den großen Mädels, den Weg in den Dressursport zu ebnen, wo ich kann. Einfach nur – weil ich es kann! Und weil ich weiß, wie schwierig es ist, sich allein durchzukämpfen…

… und wenn mich die reichen Töchter dann heute von ihren teuren – vom Papi gekauften - Pferden herablassend auslachen, weil ich mit meinem Kumpel in der S-Dressur hintennachreite… dann denk ich mir:

Ihr habt überhaupt keine Ahnung, wie schwer es ist, bis hierher zu kommen!

Ich reite nicht schlechter, ich hatte nur weniger Glück – aber ein großes Herz.

...und zum Aufgeben bin ich schon zu weit gekommen...

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