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  • Henni Jesch

Es sind nicht immer die, die in der ersten Reihe leuchten, die am meisten geleistet haben…


Das ist die Geschichte von einem kleinen portugiesischem Pferd ohne Papiere. Klingt nach nix Gscheitem. War es aber!

Ich hatte den Auftrag für die 15jährige Theresa ein Pferd zu suchen – ein geeignetes! Da denkt man jetzt an die Eignung für´s Dressurviereck und eine Karriere im Glitzerfrack. Ja, eh – aber dann musste sich der auch noch eignen um unter den gegebenen Voraussetzungen zu Überleben und es sollte auch das Mädel möglichst viel überleben. Als einziger Einstellbetrieb kam der Reiterhof in Weitwörth in Frage, weil man da mit der Lokalbahn hinfahren kann und das ist die einzige Lösung. Damals waren dort viele reitbegeisterte Mädels in dem Alter, weil sie alle nur mit der Lokalbahn fahren konnten. Das Haustaxi war nicht bereit sie jeden Tag zu ihrem Hobby zu fahren. Das mussten die schon selber organisieren. In Weitwörth gab´s jede Art von Pferden: vom Minipony bis zum 1,82 großen Dressurpferd. Die Pferde waren bei jedem Wetter den ganzen Tag draußen und die Allee war zum Teil asphaltiert und da sind sie dann morgens und abends drüber galoppiert und dazwischen haben sie sich am Asphalt geprügelt und gejagt, weil sie ja sonst nicht so viel zu tun hatten. Fressen war auch eher auf nachts in der Box verlegt, wenn keine Wiese verfügbar war. Also kam eigentlich nur ein Robustpferd in Frage, weil die Warmblüter waren recht windhundartig und häufig platt. Die Tinker, Ponies, Fjordies, Isis, Haflinger und Arabermischlinge haben sich dort bestens entwickelt. Ich war damals mit meinem Kumpel am Weg in höhere Klassen und das war eigentlich recht einfach – weiß ich heut rückblickend. Kumpel hätte dort gerade soviel zu fressen bekommen, dass er nicht zu dick wird, er hätte sich aus dem Streit herausgehalten und am Asphalt galoppiert wäre er im Leben nicht – er spinnt ja nicht! Also mit einem Kumpel geht das und man kann immer noch von einer S-Dressur träumen. Die gewinnt er nicht, aber er läuft sie. Nebenbei kann man sich bei keiner Art von Ausritt mit einem Kumpel umbringen. Wie gesagt – er spinnt ja nicht! Also brauchen wir einen Kumpel für diese Anforderung.

Es war naheliegend beim Händler, wo ich dereinst meinen Companero kennen gelernt hatte nachzufragen und siehe da, da gab´s was Vergleichbares. Mit eindeutig mehr Trabbewegung als Kumpel. Ein eher kleiner hübscher Schimmelhengst, der durch einen – wahrscheinlich – Hengstbiß am Hals ein bisschen verunstaltet war, aber er hatte dieses mühelose Anschwingen in die Passage einfach im Repertoire, das einem so ein unheimlich tolles Reitgefühl gibt. Mich hat vor allem fasziniert, dass dieses Pferd so derartig gerade, makellose Beine hatte, ein ganz schnell durchfussendes Hinterbein und immer bereit war Last aufzunehmen, ohne irgendwo dagegen zu sein. Er würde keine M mit 70% gewinnen, aber wahrscheinlich würde er jeden Tag Spaß machen und alles lernen, was man von ihm will. Und wahrscheinlich hält er auch eine ganze Menge aus. Er sah nicht verwöhnt aus. Er sag eigentlich aus, als wäre er noch nicht viel von Menschen angegriffen worden. Also, Salvaje zog nach Salzburg – Bedingung war, dass wir ihn bereits kastriert bekommen, denn was soll der Ponyhof mit einem Hengst. Er wurde also ein paar Wochen später geliefert als Wallach. Und da haben wir uns kurz mal geschreckt, weil er so zsamgrissen war, dass man ihn fast nicht erkannt hätte. Der Glanz und die Aufmachung vom Hengst war nicht mehr da und groß war er ja sowieso nicht. Er war sehr ängstlich und ließ sich kaum angreifen und das hat dann gleich eine echte Krise ausgelöst.

Anstatt ihn mal in seine Box zu stellen, dass er weiß, wo er hingehört, wo´s Futter und Wasser gibt, wollte Theresa ihm die neue Umgebung zeigen und mit ihm spazieren gehen. Aber irgendwie stieg einer von den Beiden auf den runterhängenden Strick und beim Hingreifen schreckte sich das auf schnelle Reaktion gezüchtete Stierkampfpferd und – war fort! Im gestreckten Galopp, die Lokalbahngleise entlang, ganz ohne Oberleitung. Und das blieb dann mal so. Er kam überhaupt nicht mehr näher, ganz im Gegenteil, er verschwand am Ende der Wiese. Aber immer angelehnt an die Lokalbahngleise, was keinen beruhigt hat. Es waren ja viele Leute anwesend um den Neuerwerb gebührend zu bewundern und man hat dann schon versucht die Einsatzkräfte zu informieren, damit die Lokalbahn sich da draushält. Irgendwann hatte dann einer die Idee ein Pferd – eine Stute – zu holen. Der perfekte Part für die gescheckte Tamina: auffällig mit dem Hintern wackeln und sich von der grünen Wiese abheben. Das hat dann funktioniert, man konnte des gerade-nicht-mehr-Hengstes habhaft werden. So: aber man konnte ihn leider die meiste Zeit nicht angreifen. Er ließ sich auch in der Box nicht fangen. Menschen schienen ihm im Allgemeinen recht suspekt zu sein. Theresa ist dann tagelang bei ihm in der Box gesessen, damit er sich an sie gewöhnt. Sie konnte ihn dann auch einfangen und ein Halfter draufbauen. Reiten war vergleichsweise unkompliziert. Und wie das dann alles langsam ganz gut wurde… gab´s einen Notruf vom Reiterhof: Gigi würde auf einen Fuß nicht mehr auftreten, es sieht aus als hätte er sich auf der Koppel ein Bein gebrochen. Der Tierarzt war gleich da und die Röntgenbilder zeigten wirklich, dass das Vorderbein einen geraden Sprung hatte. Gigi stand einfach auf drei Beinen und war verhältnismässig kooperativ. Dr. Müller hat einen Gips draufgebaut und Gigi musste 6 Wochen angebunden in der Box stehen! Ich dachte, der würde ausflippen und herumhauen, aber Gigi stand einfach ganz brav mit seinem immer befüllten Heunetz und persönlicher Betreuung durch seine Besitzerin in der Box – und er schien auch noch zufrieden zu sein mit dem Zustand! Und nach 6 Wochen war das Bein wieder gut und Gigi zum Antrainieren. Das war dann doch mal ein bisschen mehr lustig… da wollt er dann nimmer brav rumstehen. Da hat sich Theresa dann dochmal von ihm getrennt bzw. er sich von ihr. In der bemerkenswerten Halle im ersten Stock in der Tenne mit ca 25 mal 25m, wo außen noch Heuballen gelagert wurden. Freilaufend hat er sich dann ordentlich locker gemacht und dann war auch alles wieder gut. Ich kann mich nur an ein zweites Mal erinnern, wo sie runtergeflogen ist, da war sie während des Ausreitens mit den nagelneuen Ringelsocken beschäftigt, und irgendwo ging dann unter der Ringelsocke kurz mal das Pferd verloren, wobei die Ringelsocke nicht kaputt wurde, nur das Knie zum Glück. Das hat ja auch eine E-Card, die Ringelsocke nur Papa´s Kreditkarte.

Ganz so einfach war der Anfang der Dressurkarriere mit Gigi dann doch nicht. Er galoppierte relativ wild und die von mir vorgeschlagene Dehnungshaltung war der Reiterin wieder nicht so genehm. Es holperte ein bisschen am Anfang. Ich kann mich an einen Kurs mit Belinda Weinbauer auf der Schwaitl erinnern, wo sie fassungslos fragte, was man denn mit dem Pferd will, da könnte man doch niemals eine vernünftige A-Dressur reiten! Es klang damals nicht so nett. Richtige Frage, wenn man die Bedingungen eines Profireiters in einer wunderschönen Reitanlage hat und einem das nicht vorgerechnet wird. Wenn man als Mädel das heißersehnte Pferd kriegt, das nur auf diesem einen Ponyhof stehen kann und man am steinharten Boden, im Dreck, im Regen, im Schneesturm reitet und man immer noch glücklich ist, dass das überhaupt möglich ist – dann ist es die falsche Frage. Damals war auch eine riesige Bayernstute mit auf dem Kurs und Belinda wollte wissen, warum sie denn nicht die gekauft hätte? Na, weil die diese Robusthaltung nicht ausgehalten hätte und abgesehen davon damals auch nicht zur Debatte stand. Gigi wurde zwar auch zu Klump gehauen, aber der hälts aus. Die Stute ging ein paar A und L-Dressuren und trotz bester Pflege und Beritt im Profistall wurde es nicht mehr.

Aber der kleine Gigi mit dem zerbissenen Hals und dem gebrochenen Bein lief mit Theresa von der Lizenzprüfung in Grünberg bis zu M-Dressuren in Lamprechtshausen, Gastein und sonstwo. Sie hat jeden einzelnen Leistungspunkt mit Gigi erritten, hat eine Dreierlizenz, M* platziert und M** immerhin mitgeritten. Viele Punkte waren ihm die Richter oft nicht willig. Aber mehr war er halt nicht der Gigi, mehr konnten seine Beine und sein Rücken nicht, auch wenn das Herz Grand Prix gelaufen wäre. Gigi war eigentlich St. Georg fertig, tat sich leicht mit den Wechseln und Pirouetten, aber er fing immer öfter an in der M genervt den Kopf zu schütteln, als würde ihm was nicht passen. Theresa hat dann in seinem Sinn die Dressurkarriere beendet, aber….

Aus einem blöden Scherz an der Proseccobar beim Dressurturnier wurde eine neue Bestimmung: „Wenn man einen A Parcours springen kann – kann man auch eine A-Dressur reiten. Also kann man auch einen A-Parcours springen, wenn man Dressur reiten kann!“ Gesagt – getan!

Und da kam noch ein ungeahntes Talent von Gigi zum Vorschein. Genauso mühelos wie er passagieren konnte, sprang er auch! Wie ein Flummi und es war einfach komplett egal, was da drin stand in dem Parcours. Gigi sprang einfach alles! Er war blitzschnell mit dem Vorderbein, konnte das so richtig wegklappen unter den Körper und mit diesem praktischen kurzen Galoppsprung kommt man einfach fast immer passend. Am flotten Parcourstempo mußte man intensiv arbeiten, denn die langen Wege in Lamprechtshausen kamen dem iberischen Dressurpferd jetzt nicht so besonders entgegen. Ich kann mich an die Lizenzprüfung in Wies erinnern, wo ein ordentlicher Parcours dastand. Robert Jauck, Springrichter, fragte mal vorsichtig: „Hast du das denn schonmal gemacht? Da steht nämlich schon was da?“ Jaja, das geht gut. „Ok. Dann wart ma mal auf die Rettung…“ Der Lizenzparcours wurde vorbildlich absolviert und der Weg für „richtig“ Springen reiten war frei. Und Theresa hat das dann auch so gemacht: richtig geübt. Jede Woche zum Training nach Lamprechtshausen gefahren. Beim ersten Mal haben die dort mitleidig geschaut… jaja, der Spanier wird jetzt da springen, ja eh. Und dann waren die baff! Der sprang ja wirklich! Mit Vermögen und Manier. Beim ersten Start am Springturnier in Elixhausen wollt ihr doch glatt einer den Gigi abkaufen, weil der so toll sprang. Ein ganzer Haufen Springmädels hätte einen zuverlässigen Partner zum Springreiten üben in diesem süssen Schimmel. Und dann gab´s jedes Wochenende im Stil A und im Einlaufspringen eine Schleife. Und man hat wirklich gesehen wie viel Spaß das dem Pferd macht. Gigi tritt keine Stange runter wenn´s anders geht und der kommt durch jede Wendung – gradaus – halbe Pirouette – gradaus – Sprung. Glernt ist glernt.

Neben seiner Springkarriere hat er noch die Reitbeteiligung mit durch den Dressur-Landescup genommen. Rosa war mit ihm noch in L Dressuren platziert. Wobei er sich da mit seiner Routine und Erfahrung schon ein bisschen durchgeschummelt hat. Aber die L Lektionen waren alle da, die hat er im linken Hinterbein mit verbundenen Augen.

Theresa ging mit ihm Ausreiten ohne Sattel und Trense – was soll schon passieren. Is ja der Gigi. Das wird er auch weiter machen.

Jetzt, am Ende seiner Sportkarriere hat das ehemals ängstliche kleine graue Pferd ohne Papiere und einer hässlichen Narbe am Hals über 100 Platzierungen in Dressur und Springen.

Es sind nicht immer die, die mit den höchsten Noten glänzen, die am meisten geleistet haben…

Es sind die Horstis, Gigis und Kumpels, die zu dem bisschen Vermögen, das sie haben, immer das ganze Herz dazugeben…

… und einem so viel Freude machen.

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