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  • Henni Jesch

Das TSCHIO Aachen, im Allgemeinen und die 4*Kür im Besonderen

Fotos von Verena Lüthje



Also dieses Aachener Deutsche Bank Stadion… das ist schon ein Hexenkessel, aber eigentlich ist es das tollste von der Welt! Da wird schon beim Betreten des Stadions gejubelt und jeder Reiter gebührend willkommen geheißen. Am Ende bricht bei einer entsprechenden Darbietung ein Jubel los, das ist wirklich was ganz Einzigartiges in der Dressur! Wer sich das nicht mal live gibt, der ist selber schuld. Wie oft hör ich: „Ich würd so gern einmal nach Aachen fahren! (als Zuschauer wohlgemerkt!)“ – ja und? Warum geht das nicht? Man braucht sich nur Karten kaufen, ein Hotel checken und mit dem Auto hinfahren, wenn man will kann man auch versuchen zu fliegen – führt auch zu bemerkenswerten Ergebnissen. Nur wenn man zuhause bleibt ist man ganz sicher nicht live dabei. Da kann man dann aber auch wieder viel mehr jammern, daß man nicht dabei ist. Dann kann man sich in der Zeit auch ganz entspannt das Maul zerreißen, über mögliche Bilder, die man gar nicht selbst gesehen hat, weil man ja daheim ist und nicht da! Es sind eh viele andere da. Es waren an die 360.000 Zuseher beim CHIO Aachen!!!

Ihr Daheimgebliebenen könnt Euch gar nicht vorstellen, wie viele Leute der Pferdesport mobilisieren kann! Da sind so unheimlich viele Leute! 34.000 Zuschauer fasst das Springstadion mit Sitzplätzen, Stehplätze kommen unten noch dazu. 7.500 das Dressurstadion, da wird eher nicht gestanden. Im Gelände bei der Vielseitigkeit und beim Marathon der Vierspännerfahrer sind etwa 30.000. Mehr Begeisterung für den Pferdesport gibt´s nirgends. Man muß Aachen einfach mal gesehen haben…. Das TSCHIO Aachen – eine Woche Ausnahmezustand in der Universitätsstadt Aachen.

Die 4* Kür war eine Stimmung wie im Fußballstadion – außerhalb Österreichs.

Gewonnen hat völlig verdient Shelly Francis mit einer ganz kreativen Acapella Kür. Fehlerfrei, präzise und einfach witzig. Das Stadion hat getobt! Da gab´s schon mal Standing Ovations für die Amerikanerin.

Zweite war Ingrid Klimke. Die hat schon von der allgemeinen Begeisterung profitiert für sie und Franziskus und der schmissigen Schlagerkür profitiert. Franziskus ging jetzt nicht so gut wie im Grand Prix, aber dann wird halt nach vorne geritten! Die Buschreiterin hat einen erfrischenderen Umgang mit „durch´s Genick gehen“ – und wie man sieht geht das wunderbar. Ingrid war ja zuvor schon zur Siegerehrung der Inter 1 im Springoufit und mit dem Springpferd Parmenides gekommen. Dafür lieben wir sie alle natürlich besonders. Gewonnen hat sie die Inter I mit Bluetooth und Frack mit Glitzermütze. Ehrenrunde im Springsattel und richtig zackig. Eine Stunde später wieder mit Frack und Glitzerhelm mit Franziskus im GP. Allein dafür gehört sie schon ganz vorne hin. Die ist nicht ganz von dieser Welt, die ist einfach näher an den Göttern…

Noch eine Amerikanerin auf dem 3. Platz: Olivia Lagoy-Weltz und Lonoir. Gewohnte amerikanische Präzision. 4. War dann der spanische Superstar aus der Grand Prix Kinderriege, der aber auch schon einen für den „richtigen“ Grand Prix zur Hand hat. Der weiß ja wie man Show macht, sieht praktischerweise gschickt aus und wird für die Sportbegeisterung der Jugendlichen was beizutragen haben, nebenbei bemerkt schenkt er sich nichts in der Kür und kriegt den Großteil davon auch hin. Mut kann man eben nicht kaufen. Solche Sportler braucht die Welt! 4. In Aachen ist ja mal ein guter Anfang…

5. war Danielle Heijkoop, NED, mit einer ordentlichen, sauberen Kür. Die ist einige Pferde geritten, alles sehr ordentlich und schön anzusehen.

Bartlgut´s Quebec und Ulli Prunthaler waren doch tatsächlich an 6. Stelle platziert in der 4* Kür am Samstag am Abend. Da ist ja Stimmung in dem Stadion mit ungefähr 7.500 Zuschauern, das können wir in Österreich nicht. Da wär die Stierkampfvariante gefragt gewesen, denn einige Warmblüter kriegen da schon ein bisserl Stress. Aber manche halt auch nicht. Wie Quebec. Der sah aus, als wäre es ihm ein Vergnügen. Da gibt´s keine Unsicherheiten in der Anlehnung, keine im Takt, da gehen die schwierig aneinandergereihten Lektionen und sehen auch noch mühelos aus. Der hat mir wirklich gut gefallen im Aachener Dressurstadion. Tolle Piaffen, Seitengänge, Pirouetten – auch in der Piaffe- und es ist so ziemlich alles gelungen. Das etwas fade Hinterbein, das mich mal auf einer Hengstschau gestört hat, das fällt im Grand Prix nicht so ins Gewicht, denn interessanterweise gehen die Piaffen, die Passage und auch alle Seitengänge sehr losgelassen und mit viel Ausdruck. Ich war ehrlich gesagt sehr positiv überrascht. Na er ist ja erst 11….da kommt ja noch was. Wir sind gespannt.

Über die abschließende Kür, dem deutsche Bank Preis, ist nicht mehr viel zu sagen. Die meisten werden es gesehen haben. Wer nicht… ist selber schuld. Jeder hätte da gewinnen können, aber manche sind halt dann noch präziser und fehlerfreier. Dass am Ende vom Tag wieder Isabell vorne steht ist ja auch kein Zufall, aber es hätte auch Kasey, Laura oder Cathrine sein können. Es wäre auch gut gewesen. Aber es ist auch so gut, es gibt keine Diskussion wer der stärkere Jockey ist.

Interessant ist die Tatsache, daß die junge Chathrine Dufour den Dressurpreis gewonnen hat. Im Schnitt war sie konstanter in allen drei Prüfungen vorne, als Isabell (die ja im Nationenpreis Teil 1 daneben gelangt hat und Streichergebnis war) und Laura (die ja im Nationenpreis Teil 2 nicht an den Kameras vorbeigekommen war). Das find ich extrem erfreulich, daß die junge Chathrine (grad nicht mehr U25) sich hier unter die ganz großen der Welt einreiht. Die ist wahrscheinlich von allen Reitern die fitteste – im Sinne der körperlichen Fitness. Die schenkt sich nichts an Kraft- und Konditionstraining und möglicherweise ist sie deswegen mit 26 schon unter den besten der Welt – nicht nur deswegen, aber es wird ein Teil des Erfolges sein. So mancher wunderschönen Dressurgazelle würd man ja oft ein bißchen mehr Körperspannung wünschen, zwecks der Unabhängigkeit von Sitz und Hand.

Ein Thema das vielleicht überführt zu den vieldiskutierten Bildern am Abreiteplatz. Viel diskutiert von Leuten, die ja gar nicht da waren! Bemerkenswert, daß man dann so viel dazu zu sagen hat?!

Ich kann mich entsinnen, daß ich dereinst mal einer der Autorinnen dieser diffamierenden live Studie vom Abreitplatz bei der Ausübung der Reit“kunst“ (ich möchte von der Bezeichnung „Sport“ hier Abstand nehmen) ansichtig wurde. Daheim auf der Anlage, wo ich zum Training hinfuhr. Naja. Wir wir wissen, ist ja die größte Tierquälerei der schlecht sitzende Reiter. Aber ich geh jetzt mal davon aus, daß jeder tut was er kann und grundsätzlich sein Bestes gibt. Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit kann einen natürlich schon mal ganz schön verletzen und verärgern. Da kann man schon mal a ganz schöne Wut auf die haben, die mühelos können, was einem selbst nicht möglich ist. Wenn man dann auch noch nichts in seinem Leben lieber möchte, als diesen „Sport“ besonders gut auszuüben, weil man eigentlich für dieses „Sport“ (Reiten wohlgemerkt) lebt, dann kann man schon Aggressionen entwickeln, denen gegenüber, die es ganz offenbar besonders gut können und einem damit die eigene Endlichkeit vor Augen führen und auch noch im Rampenlicht stehen und von der Masse der Fans dieses Sports bewundert werden.

Aber… den Sport, der hier – erwiesenermaßen etwa 320.000 begeisterte Anhänger herbeigelockt hat – zu verunglimpfen… löst das den eigenen Schmerz? Es schadet dem Sport und auch der Reitkunst. Den Pferden hilfts nicht, wenn niemand mehr reiten will.

Die Reiter haben´s ganz einfach gelöst: sie sind nicht mehr öffentlich abgeritten. „Delete-Button!“ Na vielen Dank! …. Ich hätt so gern den guten Reitern im Training zugesehen und in Aachen geht das grundsätzlich, weil man auf die drei Abreitplätze hinsieht. Ich kann mich nicht sattsehen, an dem Sitz, der Einwirkung, der konstanten Anlehnung, den von hinten nach vorne ans Gebiß durchschwingendem Hinterbein, der Geraderichtung, der Versammlung… daß sich manche Pferde aufregen vor so einer Kulisse zu gehen – das ist jetzt wirklich keinem neu! Kann man ja zuhause selten üben mit 5000 Leuten abzureiten. Und da ist es dann auch ganz praktisch, daß die Reiter nicht am Halsring reiten - für alle Anwesenden…auch für die die eh zuhause einen Halsring hängen haben.

Wie ist das mit der Geisterfahrermeldung? „Was 1 Geisterfahrer??? Nein…. Hier sind 1000ende!!!!“

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