Suche
  • Henni Jesch

R.I.P Benito – der große weiße Professor


Noch so einer, der wenig in der ersten Reihe geleuchtet hat und so viel geleistet hat… Marinas Benito hat sich heut vom Dasein befreit. Er war 27 und sein Lebensfaden war jetzt einfach aus. Er hat die letzten Jahre auf der Wiese verbracht, ganz in der Nähe im Wiestal. Ich hab vor Jahren anlässlich des Sieges im Salzburger Jugendcup mal eine Geschichte über Benito geschrieben:

„Benito – der große weiße Professor

Marina und ihr österreichisch gezogener Benito wurden heuer Jugendcupsieger lizenzfrei in Salzburg. Das ist ein Bewerb in dem über die ganze Turniersaison die Ergebnisse der unter 18jährigen gezählt werden. Benito ist in dieser Turniersaison 21. Er hat den Jugendcup trotzdem gewonnen – für seine sehr talentierte Reiterin, die sich das auf ihm durchaus hart erarbeitet hat.

Ich lernte den großen weißen Professor vor ca. 2 Jahren kennen. In Kuchl, in der Reithalle des URC Tischlpoint, kam ich über Umwege dazu die (von mir so bezeichnete) „Ponyhofgang“ zu trainieren.

Das waren 5 talentierte, ehrgeizige Mädels mit ganz unterschiedlichen Pferden. Ein Haflinger - eigentlich zu jung und wenig ausgebildet für die damals kleine Sophie. Ein dickes Schimmelpony - eigentlich zu faul und störrisch für die zarte Sina. Eine zierliche Rappstute – eigentlich zu unberechenbar für die ihr wohlgesonnene Laura. Ein ungarischer Büffel – eigentlich zu stark und stur für die ebenfalls zarte Anna. Und eben ein großes, altes, steifes Springpferd mit der ehrgeizigen Marina.

Meine erste Aussage war: „Was machen wir bloß mit dem alten Steiftier….?“

Reiten! Einfach nur ordentlich reiten!

Ich hatte Sorge, dass er es nicht aushält, wenn wir ihn ein bisschen anpacken, wenn wir ihn so weiterlaufen lassen, wie bisher – mit festem Rücken und wenig Hinterbeinaktivität – dann erst recht nicht. Wir haben ihn ein bisschen angepackt, das Hinterbein drunter geholt und den Rücken weitestgehend locker bekommen.

Er war allerdings nach den ersten Trainings dann wirklich mal unpässlich. Dann hat Marina ihn mehrere Wochen pausieren lassen und dann wieder schonend – aber ordentlich - angefangen. Und siehe da: Das große weiße Steiftier begann sich ganz ordentlich zu bewegen. Man merkte schon, dass er mal eine Ausbildung genossen hatte, und sehr viele Lektionen gelernt hat. Marina kann zum Beispiel Serienwechsel reiten, die immer gerade und durchgesprungen sind.

Es hat einfach einige Zeit gedauert, bis er kapiert hat, dass die Sprünge nicht mehr für ihn bestimmt sind. Springen war wohl seine Lebensaufgabe vorher. Er dürfte als Springpferd sehr viel am Turnier gewesen sein, er ist auch nach wie vor mit großem Ehrgeiz gesprungen. In den letzten Jahren wurde ihm das aber aus gesundheitlichen Gründen versagt. Es hat wohl ein bisschen gedauert, bis er das mit dem Dressurreiten so richtig verinnerlicht hatte. Es schien ihm vielleicht zu einfach – nur herumzulaufen und sich ordentlich zu betragen. Aber so ganz einfach war das nicht, den 1.78 m großen Benito im Alter von 20 Jahren zum Dressurpferd zu formen. Es brauchte schon einen Reiter mit sehr viel Einfühlungsvermögen, aber auch der nötigen körperlichen Stärke um das Steiftier rund zu behalten und überhaupt die Bewegungen sitzen zu können. Aber dieser Reiter war ja da!

Es fing schon beim Aufzäumen an: Die Ohren waren anfangs noch mit List und Tücke zu überwinden, mit der Zeit ließ er sich das Zaumzeug aber gar nicht mehr überstreifen. Marina hat es dann jedes Mal auseinander gebaut, an den Ohren vorbeigeschummelt und wieder am Pferdekopf zusammengebaut. Schnelles Herrichten für eine Siegerehrung war schwierig bis unmöglich.

Siegerehrung ging er aber bei fast jedem Start in der Dressur. Eigentlich lief er ja nur ein ganzes Jahr im Dressurviereck. Beim letzten Turnier 2011 in Abtenau ist Marina das erste Mal mit ihm gestartet. Ich wußte nicht so recht, was die Richter dazu sagen würden. Ein zweifellos gut sitzendes Mädel, auf einem großen Steiftier älteren Semesters. Da sollte nicht viel verkehrt sein, dachte ich mir. Ganz präzise genaue Prüfungen, jede Lektion auf den Punkt geritten, alle Verstärkungen von Punkt zu Punkt, das Halten wie in einer S – am besten gar keine Fehler machen. Mit Charme allein konnte Benito nichts gewinnen – schön war er wohl nie… wird er auch nicht mehr. Aber imposant und strahlend weiß war er stets am Turnier.

Und genauso hat es Marina auch gemacht: haargenau auf den Punkt geritten, mit durchaus bemerkenswerten Verstärkungen im Trab und im Galopp, stets strahlend weiß und perfekt herausgebracht. Im ersten Bewerb waren die beiden dann grad platziert, und am nächsten Tag gab´s schon die erste 7! Die beiden waren überhaupt selten unter 7.

Bemerkenswert ist, dass Marina nie daran gezweifelt hat, nie aufgegeben hat und jede einzelne Reitstunde konzentriert und diszipliniert geritten ist.

Benito lief 21 jährig die ganze Turniersaison, alle Bewerbe. Beim letzten Turnier in Abtenau – wo es genau um den Jugendcupsieg ging – wollte er schon in der früh nicht mitfahren. Er stieg nicht ein, er ging nicht so vorwärts, er war einfach nicht gut drauf. Marina war etwas böse auf ihn, denn schließlich ging´s um was. Den Jugendcupsieg nämlich!

Aber eigentlich war das kein Moment um Böse zu sein… eher um „Danke“ zu sagen. Zu einem 21jährigen Pferd, das kein einziges Turnier in dem Jahr ausgesetzt hat, das fast immer platziert war und außerdem noch in Führung des Jugendcups lag.

Wahrscheinlich würde der Sonntag der letzte gemeinsame Start werden – und das ist doch eigentlich ein Grund es zu genießen. Das hab ich Marina dann auch so gesagt, das hat ein paar Tränen bewirkt und es war dann auch genauso:

Ein letzter Auftritt zum Genießen. Marina und Benito wurden 3. im letzten Bewerb und gewannen ganz knapp den Jugendcup.

Benito ist also mit einem Höhepunkt am Ende seiner langen Laufbahn in Pension gegangen und hat auch schon wieder eine neue Schülerin, der er jetzt Reiterpaß und –nadel beibringt und die ihm jetzt sein Müsli mischt – ohne Bananen! Wenn ein Stück Banane drin ist läßt er alles stehen. Er gehört nach wie vor Marina, aber den Weg nach L muss man im Alter von 22 nicht mehr gehen.

Und da „jedem Abschied ein Zauber innewohnt“ … heißt der Zauber in diesem Fall Kiki, ist eine 6 jährige Holsteinerstute und das genaue Gegenteil des großen weißen Professors…“

431 Ansichten