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  • Henni Jesch

Die Olympische Idee - Traum der Menschheit?


Da kündigen grad zwei der weltbesten Dressur-Profis ihre Jobs – man würde meinen, das wären Traumjobs mit Möglichkeiten ohne Ende (jaja, es ist nicht alles Gold was glänzt – aber Gold glänzt schon schön!) – und machen sich selbstständig. Die Olympischen Spiele sind um ein Jahr verschoben, also das unmittelbare Ziel von Weltklassesportlern hat grad zwangsläufig Aufschub bekommen.

Wir wissen, dass man auch in einem Jahr kein Olympiapferd ausbildet, auch wenn man das grundsätzlich kann. In 5 Jahren, aber wohl nicht in einem. Also, die Meinung, die hätten dann eh wieder gleich gute Pferde, scheint mir… naiv? Und das sind die ganz sicher nicht.

Also werfen ein Jahr vor den anstehenden Olympischen Spielen in Tokyo zwei der weltbesten – jungen! – Profis ihre Karten in den Wind? So sieht es zumindest aus. Natürlich gibt es immer genug Argumente für diesen Schritt und die werden sich das auch gut überlegt haben.

„Die Olympische Idee – Traum der Menschheit?“

Verliert sie im Reitsport für die, die es am besten können, die Faszination?

Nehmen die Besten der Welt nicht mehr teil?

Ist es heute attraktiver, mit denen, die um jeden Preis – den sie auch zahlen können – JEDEN!!! – dorthin wollen, Geld zu verdienen, als den eigenen Traum von der sportlichen Unsterblichkeit zu leben?

Umgekehrt: Ist der Glanz der fünf Ringe für Reitsportler verblasst? Verdampft im Dunst der Millionen?

Oje…

Mir würden die beiden Reiter fehlen unter den – angeblich – besten der Welt. Sehr sogar! Ich könnte ihnen immer stundenlang zusehen, auf den Abreiteplätzen in Aachen, Ermelo, München und sonstwo, wo man halt zusehen kann! Nicht weil sie im Grand Prix keine Fehler machen, sondern weil sie sitzen und einwirken, wie es eben nur ihr Talent, ihre körperliche Fitness und ihr unglaubliches Gespür möglich macht. Weil sie so reiten können, wie eben nur sie es können.

Und dahinter stehen wahrscheinlich so viele andere, die es können würden, aber nicht mehr wagen.

Im Springsport gibt es das ja tatsächlich, dass man das große Spiel lieber unter sich spielt, anstatt in einem Europameisterschaftsfinale um Ruhm und Ehre zu reiten. Da hat man nur mehr überschaubares Interesse, sich zur Energievergeudung über die Klamotten zu hauen, anstatt in der Global Champions Tour Hof zu halten. Die Dressurreiter sind, was den Verdienst angeht, von je her ja eher schmerzbefreit. Anders würd es eh nicht gehen.

Aber muss das so sein?

Jetzt denke ich mal, dass diese Profis, die zu den allerbesten auf ´derer schönen Welt´ gehören, auch durchaus entsprechend für ihre Dienste bezahlt werden. Da wird ja weder die eine noch die andere Seite besonders naiv sein?

Allerdings weiß ich aus leidvoller täglicher Erfahrung, dass die Pferdewirtschaft kein attraktiver Arbeitgeber ist. Als Schilehrer stehst im rot-weiß-roten Schianzug mit „Austrian Ski School“ an der Bar und bist ein Held (in diesem Winter hat sich das Heldentum retrospektive betrachtet etwas relativiert, da kann aber die Schilaufpädagogik nichts dafür!), als Reitlehrer hängst mit einem zerrissenen Pullover und abartige Bock´ in der gottverdammten Einschicht halb hinnig übern Zaun. Na, hurra die Gams! Is ja mäßig erstrebenswert. Am Ende vom Monat hat keiner von beiden ein Geld: der eine, weil er es postwendend aber gewinnbringend in vitaminreiche Getränke an der Schirmbar investiert, welche die subjektive Vermittlung eines freudvollen Daseins suggerieren, der andere, weil er eh nie eins verdient hat, womit sich die aktive Hinwendung zum freudvollen Dasein nicht aufdrängt. Padautz.

Jetzt wird das in diesen großartigen Pferdezucht und -handelsställen so ja nicht sein. Also zumindest wird dort ziemlich sicher mehr Wasser als Glühwein getrunken – und das ist ja auch gut so!

Mit großen Sportlern ist es wohl wie mit großen Künstlern: ab einem gewissen Kompetenzlevel - das durch messbaren Erfolg dargelegt ist – kann denen keiner mehr was anschaffen! Die machen ihr Ding und das ist ja bekanntlich das, welches zum Erfolg führt. Zu Weltbestleistungen! Insofern kann man an diesem Punkt als Arbeitgeber wahrscheinlich nur mehr unterstützen und nicht mehr anschaffen. Das ist aber auch gut so! Hätte denn Queen jemand vorschreiben wollen, wie Songs zu schreiben sind und zu welcher Tageszeit? Zum Glück kamen die selber auf die Idee, dass sie das tun möchten.

Wahrscheinlich kommen die großen Sportler auch selber auf die Idee, dass sie trainieren gehen möchten. Vermutlich muss hinter Ronaldo keiner mitm Besen herrennen, wie hinterm Haflinger, dass er in Hänger einsteigt? Der mitm Besen müsst auch echt zackig rennen.

Mir kann das ja grundsätzlich egal sein, wer wem Geld bezahlt und wer welches und wieviel durch Reiten verdient. Aber wenn doch bitte diese faszinierenden Weltklassereiter auch in den größten Stadien – und deren hoffentlich! einsichtigen Abreiteplätzen – reiten würden, das wäre schon schön! Wenn sie zuhause auf der Wiese Wechsel üben, ist das sicher ein sehr schönes Ausgleichsprogramm… für die Bienen, die um den Löwenzahn kreisen, oder die Gelsen, die sich ein kulinarisches Erlebnis versprechen. Aber ich möchte es so gerne anschauen!

Einer der größten Fehler, den man als Sportler wohl machen kann - ist der irrige Rückschluss: man hätte noch Zeit…

Den man erst erfassen kann, wenn man keine mehr hat – für den Sport. Der Sport vergibt nicht viel Chancen… so großzügig ist er nicht.

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